Interview-Essay: Maria Scordialos, 2011

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus einem Interview, dass ich mit Maria Scordialos, einer der Mitbegünderinnen des “Art of Hosting” Netzwerkes, führte. Das gesamte Interview ist 2011 im Sammelband “Ende oder Neubeginn” im Flensburgerhefte Verlag erschienen.

Krise bedeutet Entscheidung, und die wahre Krise liegt in uns selbst

Seit über einem Jahr sehen wir Bilder aus Athen, jungen Menschen auf der Straße. Wir lesen die Berichte vom Bankrott und der Kapitulation ihrer Regierung. Gefiltert durch unsere unpersönlichen Medien scheint dies, trotz der geographischen und zeitlichen Nähe, wie Szenen aus einer anderen Welt. Noch sehen wir keine Symptome, die uns unter die Haut gehen, wie etwa die Schreckensbilder des Hungers in Afrika. Und so ist dies erst mal nur ein technisches Problem, das wir gerne den Technokraten in Berlin und Brüssel überlassen. Nur weil wir, scheinbar zufällig, dieselbe Währung verwenden, wird diese Geschichte plötzlich persönlich. Und schon erscheinen alle Griechen faul und korrupt und die eigene lange Geschichte deutscher Staatsschulden vergessen.

Als gebürtige Griechin eröffnet uns Maria Scordialos den Blick von Innen. Nicht nur aus der griechischen Perspektive, sondern vor allem auch aus einer Menschlichen. Was sie in ihrer Arbeit und persönlich dabei beschäftigt ist, wie wir gemeinsam von den momentanen Geschehnissen lernen können und wieso diese Krise wirklich auch immer unsere eigenen Krise ist.

Diese Krise ist eine Tragödie und eine kreative Chance

Leander Bindewald: Frau Scordialos, Ihre Arbeit führt Sie durch ganz Europa und um die Welt. Was erleben Sie, wenn sie von der Außenperspektive nach Hause nach Griechenland kommen, direkt in den momentanen Brandherd der globalen Krise?

Maria Scordialos: Zuerst einmal möchte ich dafür an die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes erinnern: κρίσις “Krisis” bedeutet schlicht Entscheidung. Was eine sehr hilfreiche Betrachtungsweise auch für das ist, was momentan in Griechenland geschieht. Dies ist in Wirklich eine Zeit der Entscheidung, darüber, wie wir unsere Leben gestalten wollen. Dies ist so ganz anders, als zu sagen: “Oh mein Gott, alles bricht auseinander und versinkt im Chaos” (χάος “khaos”, die große Leere). Entscheidungen sind ein grundlegender Akt unseres Lebens, ganz im Gegensatz zu der Angst, die durch den landläufigen Gebrauch des Wortes Krise geschürt wird. So sehe ich diese Krise tatsächlich als eine kreative, positive Chance, die uns zu einer grundlegenden Entscheidung zwingt. Aber trotzdem ist das, was sich gerade in Griechenland abspielt, wirklich auch eine Tragödie, ganz im klassischen Sinne. So fühlt es sich momentan an.

Die ganze Situation ist natürlich getrieben von der globalen Finanzwirtschaft und hängt unmittelbar auch mit dem Bankencrash im Jahre 2007/2008 zusammen. Für den Griechen auf der Straße fühlt es sich so an, als ob Griechenland schlicht ein einfaches Opfer war, für ein System, dass im Sterben liegt aber sich gegen seinen Untergang wehrt. Es ist als ob unsere globale Wirtschaft bereits Krebs im Endstadium hat aber sich das nicht eingestehen kann. Und es gibt genügend Menschen in den Machtpositionen und in den Führungsetagen der Banken, die noch fest daran glauben, dass sie das System wieder flott bekommen können. Aber tatsächlich wird es bereits künstlich beatmet.

Und dann ist es ein leichtes, ein Land wie Griechenland zu finden, mit einer korrupten Führung, die es in der jüngeren Geschichte kontinuierlich in die Verschuldung geführt hat. Und somit ist es auch ein idealer Ort, um das Geld, das die internationalen Finanzinstitute momentan umschichten müssen, zu bereinigen.

Unsere Schulden haben nichts mit dem Griechischen Volk zu tun, sondern sie sind eine direkte Konsequenz eines kranken globalisierten Finanzapparates. Und natürlich wird das Volks nichts sehen von all dem Geld, das in die sogenannten Rettungspakete geschnürt wurde. Es wird von Regierung zu Regierung durchgereicht und fließt in die Rettung der Banken.

Als wir 1826 Jahrhunderts aus der Schulden Falle entkommen wollten, wurden wir aus der internationalen Finanzgemeinschaft ausgeschlossen. Seitdem werden wir indirekt von den europäischen Großmächten regiert. Und seitdem tragen wir das Stigma eines Staates, der nichts produziert, indem Steuern hinterzogen werden und in dem alle faul sind. Dieses Bild ist schlichtweg falsch.

Aus Wikipedia/Griechenland:

Das antike Griechenland, welches über das Gebiet des heutigen Staates nach Kleinasien reichte, wird als Wiege Europas bezeichnet, insbesondere aufgrund zivilisatorischer Leistungen auf Gebieten der Philosophie, Naturwissenschaften, Geschichtsschreibung und Literatur. 146 v. Chr. wurde das Gebiet des heutigen Griechenland römische Provinz, nach der Reichsteilung 395 n. Chr. war es Bestandteil des byzantinischen Reiches.

Begünstigt durch die Schwäche des Byzantinischen Reiches konnten Truppen des Osmanischen Reichs zwischen 1359 und 1451 den größten Teil Griechenlands erobern.

1821 kam es zur so genannten Griechischen Revolution. Eine europäische Seestreitmacht gewann 1827 über die osmanische Flotte die Oberhand. Durch das Londoner Protokoll vom 3. Februar 1830 wurden Zentralgriechenland, der Peloponnes und die Kykladen zum selbständigen Staat Griechenland erklärt. Erste Hauptstadt des modernen Griechenlands wurde Nafplio. Ioannis Kapodistrias war bis zu seiner Ermordung das erste Staatsoberhaupt.

Um zu verhindern, dass sich vom befreiten Griechenland aus der Funke des Republikanismus in Europa verbreitet, v.a. aber auch als Zahlungskondition für einen Kredit von 472,000 britischen Pfund sowie einen 60-Millionen-Drachmen-Kredit durch England, Frankreich und Russland an das seit 1826 völlig überschuldete Land, etablierten die europäischen Großmächte in Griechenland von außen eine Monarchie. Im Jahr 1832 wurde der bayerische Prinz Otto, Sohn König Ludwigs I. von Bayern als Otto I. Griechenlands erster (neuzeitlicher) König.

 

L.B.: Lassen Sie uns auf die persönlichen Auswirkung schauen. Was bedeutet diese Situation für den durchschnittlichen Griechen?

M. Scordialos: Gerade für die ländliche Bevölkerung ist es sehr hart, nicht unbedingt für die Menschen in Athen. Gerade die Renten wurden drastisch reduziert. Jemand der letztes Jahr noch 500€ Rente bezog, hat nun nur noch 420€. Es ist praktisch unmöglich davon zu leben. Dabei sind die Lebenshaltungskosten gestiegen, die Mehrwertsteuer beträgt jetzt 23%. Das trifft jeden, und am härtesten diejenigen, die ohnehin schon bescheiden leben mussten.

Abgesehen von den Rentenkürzungen gab es dieses Jahr auch keine neuen Bücher für Schulen. Unsere Schüler werden schlicht ohne Bücher dastehen. Es hieß, man würde ein online-Lernprogramm einführen, aber unsere Lehrer sind dafür nicht ausgebildet. Und natürlich hat auch kaum ein Kind auf dem Land Zugang zu einem Computer und selbst an den Schulen gibt es oft keine Computer, um überhaupt auf diese Informationen zugreifen zu können. Viele Lehrer fotokopieren nun alte Bücher, um überhaupt unterrichten zu können und die Schüler gehen mit ihnen zusammen auf die Straße. Wir sind nicht weit davon entfernt überhaupt keinen Unterricht mehr zu haben.

Auch wird mittlerweile alles Mögliche mit neuen Steuern belegt. Gerade wurde eine neue Steuer auf Wohnraum eingeführt, 5€ pro Quadratmeter. Diese Steuer wird über die Elektrizitätsrechnung erhoben. Das heißt, wenn jemand nicht sofort zahlen kann, wird ihm der Strom abgedreht. Außerdem wurde eine pro-Kopf Notsteuer eingeführt und eine pauschale Steuer für jedes Unternehmen, unabhängig von dessen Größe und Wirtschaftlichkeit.

So sieht ein System aus, das versucht, den letzten Groschen aus seinen Bürgern herauszuholen, obwohl diese schon nichts mehr haben. Man hat hier das Gefühl, komplett von unserer Regierung im Stich gelassen zu sein. Dabei hat sie uns in diese Situation geführt und uns an das internationale Finanzsystem verkauft, welches letztendlich der Grund für unsere Staatsschulden ist. Langsam beginnt es den Menschen hier zu dämmern, dass wir als legitimes Mitglied der Europäischen Gemeinschaft dazu missbraucht wurden, um riesige Summen über unsere Bücher laufen zu lassen, nur um damit die nächste Ebene einer unglaublichen Korruption zu schmieren und das siechende Finanzsystem zu stützen.

Geld spielte für die Menschen nur eine marginale Rolle

Zumindest auf dem Land basierte unsere Wirtschaft und unser Leben auf Tausch, Teilen und Schenken. Geld hatte da nur eine marginale Rolle gespielt. Es ging wirklich eher darum einander zu helfen und miteinander im Austausch zu stehen. Aber in den letzten 30 Jahren kam durch die EU soviel sogenannte Entwicklungshilfe ins Land, zusätzlich zu den Einnahmen aus dem Tourismus, dass sich eine ganz neues Wertesystem etabliert hat, in dem Geld ganz oben rangiert.

Hier auf dem Land, wo ich lebe, sieht man, wie die Menschen wieder anfangen ihr eigenes Gemüse anzubauen und sich Gedanken darum machen, wie sie in dieser schwierigen Zeit ihre Unabhängigkeit wahren können. Selbstversorgung ist hier immer ein Teil der Kultur gewesen. Allein in den Städten haben sich die Menschen verschuldet und ihren Lebensstil dem neuen und schnellen Geld angepasst und haben individualistische Züge entwickelt.

Schon jetzt gibt es wieder junge Menschen, die es aus den Städten weg, zurück aufs Land zieht. Jedoch verläuft die stärkste Zugbewegung immer noch aus Griechenland hinaus ins Ausland. Der typische “brain-drain”. Alle, die einen Job im Ausland bekommen können, lassen Griechenland hinter sich.

Insgesamt lässt das momentan wenig Hoffnung. Viele sind verzweifelt und fragen sich, wie wir da jemals wieder herausfinden sollen. Und dies ist ein ständiges Motiv der jüngeren griechischen Geschichte. Unser Land scheint schlicht ermüdet von all den Problemen. Als unser Staat gegründet wurde, fungierte er wie Belgien als Puffer zwischen den damaligen Weltmächten. Nachdem das Osmanische Reich auseinander brach, kamen die Briten und die Franzosen im Bemühen, auch diesen Teil der Welt zu beherrschen. Seitdem haben wir unsere Territorialkriege, die Weltkriege, Hungersnöte und einen Bürgerkrieg durchlebt und dabei unser Selbstwertgefühl eingebüßt.

[…]

Die Krise liegt in uns selbst

L.B.: Wenn Sie sagen, dass diese Krise nicht von den Menschen in Griechenland ausgeht, sondern Griechenland nur der Spielball ist und nicht einmal die heutigen politischen Strukturen dem gewachsen sind, wie viel der Krise ist dann überhaupt eine finanzielle Frage? Worum geht es wirklich? Wie tief sitzt diese Krise?

M. Scordialos: Die wirkliche Krise ist, zumindest für mich als Griechin, eine soziale Krise. Und ich meine nicht das Fehlen sozialstaatlicher Institutionen, welche hauptsächlich wieder nur finanzieller Natur wären. Es geht vielmehr darum, in wie weit wir uns auf unsere eigenen Möglichkeiten und unseren ureigenen Lebensstil besinnen möchten.

Wenn man sich sie tragfähigen Alternativen für eine global nachhaltige Welt ansieht, sind diese dem Leben unserer Großeltern auf den Dörfern hier sehr ähnlich. Sie haben uns diese Alternativen bereits vorgelebt. Sie pflegten das soziale Gewebe, das diese Alternativen möglich machte. Man stelle sich nun vor, um wie viel einfacher und weiter dies mit unserer heutigen Technologie möglich wäre. Sollen wir denn wirklich den Quatsch glauben, dass Griechenland Nichts produzieren könne? Wir haben hier soviel Sonne, wir haben das Meer, wir haben den Wind, wir haben all diese unerschöpflichen Ressourcen. Das einzige Problem, das wir haben, ist ein System, das es den Menschen nicht ermöglicht, ihre eigene Entwicklung auf diesen Ressourcen aufzubauen. Ein System, das nichts auf Erfindungsreichtum, auf Zusammenarbeit und auf unsere gemeinsamen Stärken gibt.

Das einzige, das heute von unserem System unterstützt wird, sind die paar wenigen Familien, die die gesamten vermarktbaren Ressourcen kontrollieren, Marmor und Zement zum Beispiel. Und gerade dies sind auch die Industrien, die immense Umweltschäden anrichten. In dieser Wirtschaft gibt es einfach keine Perspektiven für die kommenden Generationen. Hinzu kommt, dass auch unser Erziehungssystem nicht darauf ausgelegt, Menschen zu formen, die selbstständig denken können und Ideen entwickeln, sondern allerhöchsten historische und religiöse Fakten zu rezitieren wissen.

Deshalb liegt unsere Krise tatsächlich in uns selbst. Wir müssen uns wieder darauf besinnen, wer wir eigentlich sind. Wir müssen uns daran erinnern, dass wir einmal ein Volk waren, das den Lauf des Lebens sehr wohl verstand. Ein Volk, das es verstand nachhaltig zu leben, das von Vorfahren abstammte, welche Schönheit verstanden, in den Künsten und im Lebensstil.

Das, was Griechenland heute wirklich fehlt, ist echtes Lernen. Wir haben verlernt zu lernen und können gerade noch bis zur Türschwelle blicken. Die Finanzkrise ist nur die Art und Weise, wie die Welt unsere Position ausnutzt. Die wirkliche Krise ist, dass wir unser Leben zurückerobern müssen. Wir müssen den Mut finden, neu zu experimentieren und das althergebrachte, sterbende System hinter uns zu lassen. Wir müssen zu der Vielfalt unserer Möglichkeiten zurückfinden, zu unserem menschlichen unternehmerischen Geist.

[…]

L.B.: Gerade unter jungen “Social Entrepreneurs” auf der ganzen Welt zeichnet sich immer wieder ab, wie all unsere Strukturen, nicht nur unser Steuersystem, sondern auch unsere Rechtsformen, unsere Organisationsformen, die Prozesse unserer Entscheidungsfindung, unsere Informationsströme und unser Patentrecht nur schwer mit diesen neuen Anliegen und Ideen zusammenpassen. Viele dieser Strukturen und Institutionen nahmen ihren Ausgang mit dem Beginn der Moderne vor rund zwei hundert Jahren und stehen nun echten Veränderungen eher im Wege. Worauf laufen diese Widersprüche hinaus?

M. Scordialos: Ich war mir dessen lange nicht bewusst. Aber als ich noch in England lebte und für eine lokale britische Regierung arbeitete und später dann eine gehobene Laufbahn in einem Konzern antrat, wurde mir plötzlich klar, wie dies alles nicht mit dem zusammenpasste, was mir innerlich wichtig war und nahe stand. Es schien alles nur wie eine soziale Konstruktion, aufgebaut um eine ganz unnatürliche Auffassung von Erfolg, die ich nicht teilte. Und als ich mit etwas Abstand auf den öffentlichen und privaten Sektor zurückblickte, wurde mir klar, dass all diese legalen und organisatorischen Strukturen, um die herum wir unsere Gesellschaft aufgebaut haben, einen Grundzug teilen: sie machen uns anonym. Das ist sogar der Grund für die Einrichtung einer “Rechtsperson”. Sie soll die natürlichen Personen vor dem Risiko eines unternehmerischen Misserfolgs schützen, vor allem finanziell. Wenn die Firma bankrott geht, haften nicht alle Beteiligten mit ihrem gesamten Hab und Gut. Auf der Schattenseite des ganzen schafft dies ganz ursprünglich die Anonymität in unserem Wirtschaftsleben und auch im Staat. Und für mich ist dies das grundlegende Problem unserer Gesellschaft.

Wenn man mich fragt, was da heute passiert, in der Welt, in unseren Organisationen, unseren Gemeinschaften, dann ist dies das Gebrechen, an dem die Menschheit heute leidet. Wir haben die Anonymität satt, wir sind durch sie krank geworden. Und langsam fangen wir an, darauf aufmerksam zu werden, aufzuwachen, wir haben das Verlangen, wieder teilhaben zu können an unserem Leben. Deshalb schließen sich die Menschen jetzt überall auf der Welt zu den sozialen Bewegungen zusammen, von denen wir immer häufiger in den Nachrichten hören. In Tunesien, in Ägypten, in Libyen, in England und nun auch wieder in den USA und überall in Europa. Wir sind die Anonymität leid. Wir sind es leid, unser Leben nicht mehr selbst bestimmen zu können, es den Experten und Dienstleistern überlassen zu haben, die am Ende über unsere Köpfe hinweg entscheiden und uns gar nicht mehr erst fragen. Und genau das spiegelt sich auch darin wieder, wie uns unsere Welt und unsere Zivilisation nun unter den Füßen zerrinnt. Man geht irgendwo irgendetwas arbeiten, trägt einen Arbeitskittel, kassiert einen Gehaltsscheck, geht in den Supermarkt und kauft Dinge, die irgendwo herkommen, von irgendjemand hergestellt wurden und irgendetwas beinhalten. Alles in perfekter Anonymität. Das letzte Bisschen an echtem Erleben sind dabei die Beziehungen, die wir zu unseren Kunden und Kollegen haben. Aber auch diese sind nicht authentisch, nicht echt. Wir leben fast rundum künstliche Leben. Wir werden selbst künstlich und sind vom Leben entfremdet.

Ich für meinen Teil hatte mich damals entschieden, dieser Entwicklung nicht mehr zu folgen. Nicht mehr das als Erfolg anzusehen, was unsere Gesellschaft vorgibt, sondern dem, was ich aus mir heraus als solchen empfand. Ich war für etwas Bestimmtes auf dieser Erde. Wir alle tragen Samen in uns, die wir uns erschließen müssen, die wir säen und pflegen müssen. Und wenn diese dann wachsen, weiß ich, dass ich den kommenden Generationen etwas Positives hinterlassen werde. Aber natürlich lebe auch ich noch in einem weiteren System. Ich muss noch immer meinen Lebensunterhalt verdienen. Aber ich wollte ihn zumindest damit verdienen, was mir am Herzen liegt. Und mir wurde klar, dass das was ich liebe, tiefe und innige Beziehungen sind. Und das können alle Beziehungen sein: zu Menschen, zur Erde, zum Land auf dem ich wohne oder zu meiner Arbeit als einer Kunstform, einer kreativen Ausdrucksform. Das ist es, wo ich meine Leidenschaft entfalten kann.

Und nun ist es so, dass ich tatsächlich dazu eingeladen werde, Prozesse zu gestalten und zu leiten, eintägige Events, mehrtägige Treffen und Workshops und auch langfristige strategische Prozesse. Und einer Sache bin ich mir dabei sicher, denn das liegt auch im Kern des “Art of Hosting” Netzwerkes, das ich mitbegründete: Es sind nicht die Methoden, die dabei die Inspiration liefern. Sie sind nur die Form. Die Essenz ist, dass die Teilnehmer zu echten Beziehungen finden können, mit sich selbst und mit den anderen. Es ist dieser Tanz zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven, der mich dabei reizt, mit all seinen sichtbaren und unsichtbaren Aspekten.

Von der Webseite www.artofhosting.org:

(to host = einladen, Gastgeber sein)

 The Art of Hosting is a global community of practitioners using integrated participative change processes, methods, maps and planning tools to engage groups and teams in meaningful conversation, deliberate collaboration, and group-supported action for the common good.

“The Art of Hosting and harvesting conversations that matter“ is a new practice of democracy that we really need in the world now. 

Hosting is an emerging set of practices for facilitating group conversations of all sizes, supported by principles that:

maximize collective intelligence; welcome and listen to diverse viewpoints; maximize participation and civility; and transform conflict into creative cooperation.

“The art of hosting is a practice that heals the broken relationships between people.”- EU Commission official


M. Scordialos: Wenn man mich fragt, was diese Arbeit ist, die ich da mache, für Firmen, Gruppen und Organisationen aller Art, bis hin zur Europäischen Kommission, kann ich oft nur sagen, dass wir die Teilnehmer als Menschen dazu einladen, wieder in echte Beziehung zueinander zu treten. Das ist mein einfaches Gegengift gegen die Anonymität, von der ich sprach. Und ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der nicht an seinem eigenen Leben in dieser Art teilnehmen möchte. Ich habe viele getroffen, die verlernt hatten, wie das geht. Denn seit zweihundert Jahren sind wir einem System ausgeliefert, dass uns zu Künstlichkeit und Anonymität erzieht. Aber wenn man genau dort ansetzt und die richtigen Fragen stellt, wenn man ganz aufmerksam zuhört, wenn man etwas wahrnimmt und dies auch mitteilen kann, und wenn man dies dann dem Bedürfnis, teilzunehmen, anbieten kann, dann ist das wie eine augenblickliches Erwachen. Es ist, wie als wenn die Teilnehmern wieder Sauerstoff bekommen. Ich habe das wieder und wieder beobachten können, in all den Institutionen in denen ich arbeite. Die Teilnehmer ringen wie nach Luft, und plötzlich sind sie eingeladen sich voll einzubringen. Sie atmen das in vollen Zügen ein, als hätten sie seit langen gar nicht atmen dürfen. Wenn sie zu einem dreitägigen Workshop kommen und plötzlich dazu eingeladen werden, über das zu reden, was ihnen wirklich am Herzen liegt, wissen manche erst gar nicht was das bedeutet. Aber dann entdecken sie es wieder und das ist dann ein fast schon spirituelles Erlebnis. Aber der ganze Zauber daran ist, dass ihnen einfach wieder bewusst wird, dass sie leben und an ihrem Leben teilhaben und teilnehmen. Es ist dieser Bruch mit der Anonymität, der für mich den Spalt schafft, durch den wir die Menschen wieder zur vollen Teilnahme bringen können.

Demokratie ist nicht eine Regierungsform, es ist eine Lebensweise.

L.B.: In dieser Teilhabe klingt dabei für mich auch Demokratie an. Jeder soll am Regieren teilhaben. Und wir tun ja noch immer so, als würden wir das wirklich tun.

M. Scordialos: Wir müssen auch dabei zu den ursprünglichen Wurzeln dieser ur-griechischen Begriffe zurückkehren: Im antiken Griechenland herrschte eine ganz spezielle Auffassung des Lebens, die ganz und gar anders ist als unsere heutige. Die Vorstellung war, dass das Leben eine Reise ist und das einzige was man unterwegs tun kann, ist, etwas zu lernen. Wir sind nicht hier, um zu konsumieren oder zu besitzen oder irgendwelche imaginären Karriereleitern zu erklimmen. Es ist einfach nur eine Reise. Und unser Lernen verläuft immer vom Immateriellen zum Materiellen. Wenn wir tot sind reisen wir weiter, nur auf andere Weise. Und die Grundidee der Demokratie war es, dass man nicht reisen kann, wenn man nicht teilhat. Es wäre schlicht unmöglich, etwas zu lernen, wenn man sich nicht einbringt. Deshalb gab es im antiken Griechenland die Grundannahme, dass jeder das Recht zu einer Meinung und zu seinen Fragen hat, zu allem was ihm auf seiner Reise helfen kann. Und die ganze soziale Konstruktion war damals mehr oder weniger um diesen Kern gebaut. Natürlich kann man einwenden, dass Sklavenhaltung und der Ausschluss der Frauen damit nicht vereinbar sind, aber das war genauso ein soziales Konstrukt dieser Zeit.

In ihren Volksversammlungen nun konnte jeder jederzeit aufstehen und etwas sagen. Und es war nicht so wie heute, wo man immer gleichzeitig auch gegen jemand anderes debattiert. Man konnte einfach nur zum Ausdruck bringen, was man gerade gelernt hatte. Und man machte Vorschläge für die gemeinsame Reise. Und wenn die Zuhörer in dem Gesagten etwas entdeckten, das sie weiterbrachte, so standen sie ebenfalls auf und sprachen das aus. Heute muss man immer direkt Stellung beziehen und sich entscheiden und einen möglichst vollständiges Argument vorbringen, das immer besser als das vorherige sein muss. Aber damals war genau dies nicht Teil des Wertesystems. Das entwickelte sich erst zwischen den römischen Senatoren und ihrer Art der Regierung.

Die Frage nach der Demokratie berührt also ganz fundamental die Wurzeln unserer Wertesysteme und wenn man ein System durchschauen möchte, kommt man um die Betrachtung seiner Werte und Grundannahmen über das Leben nicht herum. Wir können unser westliches System des Konsums nicht verändern, wenn wir nicht erst zu einer grundsätzlich anderen Sichtweise auf unser Leben und unsere Erde und all ihrer Ressourcen gelangen. Ein Eingeborener hat es einmal so formuliert:

“Was ihr Rohstoffe nennt, sind für uns unsere Verwandten.”

Und solange wie die Erde nicht wieder als unsere Verwandte betrachten, als ein Teil von uns und uns als ein Teil von ihr, und solange wir nicht realisieren, dass unser Konsum uns kollektiv umbringt, solange wird sich gar nichts ändern.

Heute gehen wir in den Supermarkt und kaufen alles was wir nur wollen, das ganze Jahr über. Nie fragen wir uns, wo unsere Nahrung herkommt, wie und wo sie gewachsen ist. Wir nehmen auch an der Entstehung unserer Nahrung nicht mehr Teil. Auch das ist nicht mehr ein Teil unserer Lebens-Reise. Und durch diese Trennung treffen wir auch ganz aberwitzige Entscheidungen. Das hat uns schließlich an den Punkt gebracht, an dem wir gerade stehen.

Demokratie ist genau diese Teilnahme am Leben. Dort wo ich jetzt lebe, auf einer Olivenfarm ohne Anschluss ans Stromnetz, haben wir nun unsere eigene Elektrizität aus einem Solarsystem. Wir haben es selbst installieren müssen, wir wissen, was es bedeutet wenn es ausfällt, wir wissen, wie es funktioniert und wir es benutzen und pflegen müssen. Ich kann also meine eigene Energie einsetzen und dies zum Teil meines Lebens machen. In England habe ich einfach nur einen Schalter umgelegt und es war mir komplett egal wo der Strom herkam. Demokratie ist nicht eine Regierungsform, es ist eine Lebensweise.

Das einzige, was wir über diese Reise unseres Lebens wissen, ist dass sie ein irdisches Ende hat. Wir werden nichts von dem was wir hier gekauft haben mitnehmen können, aber wir werden etwas für die kommenden Generationen zurücklassen. Deshalb möchte ich so leben, dass ich etwas lerne und davon etwas weitergeben kann. Das ist die Grundfrage der Demokratie. Und das hat überhaupt nichts damit zu tun, wie wir die Leute wählen, die sich dann in weiter Ferne treffen und ganz seltsame Gespräche führe an deren Ende Gesetze entstehen, die regeln sollen, wie wir alle zu leben haben. Das ist keine Demokratie, das ist nur das System an das wir uns gewöhnt haben.

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