Essay: Weltsichten

Weltsichten

Diesen Artikel, erschienen in Welt-Sichten (9-2013) im Original lesen: PDF

An vielen Orten rund um den Globus haben Menschen aus wirtschaftlicher Not und mit viel sozialem Unternehmergeist lokale Währungen geschaffen. Sie gelten neben dem offiziellen Geld; das Bristol-Pfund oder der Chiemgauer können den Euro nicht ersetzen. Dennoch sind lokale Währungen ein wichtiger Ansatzpunkt im Kampf für eine solidarische Wirtschaft.

Wenn unsere Wirtschaftsweise verändert werden soll, ist einer der zentralen Ansatzpunkte die Art, wie Geld geschöpft und in Umlauf gehalten wird. Die Banknoten und Münzen der nationale Währungen wie US-Dollar, Euro, thailändische Baht oder nigerianische Naira werden von der jeweiligen Zentralbanken ausgegeben – der weit gößte Teil dieser Gelder, bei uns rund rund 97%, werden jedoch von Geschäftsbanken in Form von elektronischem Kredit geschöpft. Mit Zins und Zinseszins, profitgierigen Anreizstrukturen verleitet dieses Geld zu Spekulation und nicht nachhaltigen Investitionen. Es mag für den üblichen nationalen und internationalen Handel die richtige Art Währung sein. Doch benachteiligte Gruppen oder Regionen werden weiter ins Abseits gedrängt, wenn zum Beispiel lokale Firmen kaum oder nur zu hohen Zinsen Kredit erhalten.

Um unser Geldsystem zu ändern, stehen zwei Strategien zur Wahl. Man kann sich für Veränderungen am System der konventionellen Währungen einsetzen. Dazu muss man sich den übermächtigen Interessen des Finanzwesens direkt entgegensetzen und den langen Weg durch die politischen Institutionen antreten. Die andere Möglichkeit ist, Nischen ausfindig zu machen, in denen sich neue Währungssysteme ansiedeln lassen, und darauf hinzuarbeiten, dass sie sich zu funktionsfähigen Alternativen entwickeln. Dies geschieht mit komplementären und kommunalen Währungen.

Diese wollen die primäre Geltung des konventionellen Geldes nicht in Frage stellen. Doch wo es mit Regionen abwärts geht, die Menschen ihre Existenz bedroht sehen, ihre Belange nicht berücksichtigt werden und der gesellschaftliche Zusammenhang sich auflöst, ist das Einsatzgebiet für komplementäre und solidarische Währungen. Anders als nationale Währungen sind sie grundsätzlich nur für eine bestimmte Zielgruppe und einen bestimmten Raum konzipiert und genau auf diesen Zweck hin gestaltet. Sie werden freiwillig genutzt und zielen darauf, durch vielfache Nachahmung, nicht durch die Ausdehnung ihres engen Geltungsbereiches, wirtschaftliche und gesellschaftliche Relevanz zu erlangen.

Lokale Währungen sind heute ein weltweites Phänomen und gehen, in ihrer modernen Form, auf eben die Zeit zurück, als sich im Gefolge der Ölkrisen der 1970er Jahre und der amerikanischen Rezession der frühen 1980er Jahre der Neoliberalismus international durchsetzte. Damals entstand auch eine völlig andere Strategie zur Überwindung wirtschaftlicher Notlagen: Lokale Währungen sollten die betroffenen Regionen stärken und sie von den Krisen der globalen (Finanz-)Wirtschaft abkoppeln. Im Westen Kanadas entstanden damals die ersten selbstgeschöpften Währungen, die bald unter dem Namen „Local Exchange Trading Systems“, kurz LETS, weltweit bekannt und nachgeahmt wurden. Mit diesen LETS kaufen Verbraucher und Erzeuger in der Region ein, anstatt sich zuerst beim Discounter oder Großhändler einzudecken. So wachsen die Identifikation mit der eigenen Region und das Verständnis für ihre Wirtschaftsstruktur. Die lokale Währung sorgt durch eine Art Kettenreaktion für stärkere und stetigere Umsätze der einheimischen Unternehmen.

Wenige Jahre nach dem Aufkommen der LETS breitete sich mit sogenannten „Zeitbanken“ eine weitere Form des alternativen Wirtschaftens aus: Wer eine Stunde lang eine Dienstleistung liefert, erwirbt eine Zeitgutschrift und kann dafür eine Stunde lang die Dienste eines anderen Teilnehmers in Anspruch nehmen. Diese Zeitwährungen orientieren sich an der Solidarität, dem wechselseitigen Geben und Nehmen und am Respekt gegenüber allen Mitgliedern einer Gemeinschaft, in der niemand ausgrenzt wird. Heute gibt es unzählige Zeitbanken, vor allem in sozialen Brennpunkten, aber auch an Orten, wo man sie nicht erwarten würde wie in der Londoner City, dem Zentrum der Finanzwelt.

In den Medien und in der Wirtschaftswissenschaft herrscht die Meinung vor, solche idealistischen Bestrebungen würden sich gesamtgesellschaftlich nie durchsetzen; bestenfalls könnten sie sich nach einem Zusammenbruch der Finanzsysteme kurzfristig als nützlich erweisen. Tatsächlich wurden in Krisenzeiten immer wieder spontan inoffizielle Zahlungsmittel genutzt. So waren während der Weltwirtschaftskrise seit 1929 viele Arten von Notgeld in Europa und in den USA in Umlauf und jeder hat schon einmal von der Zigarettenwährung in den Trümmern des zweiten Weltkriegs gehört. Auch nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch in Argentinien 2001 entstanden tausende kleine Tauschwährungen, wie sie in ähnlicher Form jetzt auch wieder in Griechenland und Spanien zu finden sind.

Doch kann die Wirkung solch begrenzter Währungen auf die gesamte Wirtschaft ausstrahlen? Können sie während einer Krise dazu beitragen, die Wirtschaft insgesamt zu stärken und kleine oder mittlere Unternehmen zu stützen? Aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre ist ein einziges komplementäres Währungssystem erhalten geblieben: die Schweizer WIR-Bank. Sie existiert seit fast 80 Jahren, wird von mehr als 60.000 mittelständischen Unternehmen im ganzen Land genutzt und machte in ihrer komplementären Währung, dem WIR-Franken, im Jahr 2010 einen Umsatz im Gegenwert von 1,63 Milliarden regulären Franken.

Der Wert des WIR entspricht stets dem des Schweizer Franken. So muss kein Geschäft, das ihn akzeptiert, deshalb seine Preisschilder ändern oder bei der Steuererklärung Komplikationen in Kauf nehmen. Doch diese Währung ist nicht über die Finanzmärkte zu erhalten, sondern allein über die Genossenschaftsbank. So ist es möglich, dass die Nutzer des WIR für Darlehen und Überziehungskredite nur sehr geringe Zinsen zahlen, selbst in Zeiten, in denen teure Kredite die Wirtschaft lähmen. Die beteiligten Unternehmen konnten sich so über viele Jahrzehnte günstig finanzieren und ihre Zulieferer und ihre Angestellten regelmäßig bezahlen. Manche Wirtschaftswissenschaftler sehen in der WIR-Währung einen der Gründe dafür, dass die schweizer Wirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg stabil geblieben ist.

Ihr Erfolg ist bisher einzigartig. Doch die Grundidee hat viele der heute bekanntesten lokalen Währungen beeinflusst: das „Regiogeld“ in Deutschland und die britischen „Transition Currencies“. Dahinter stehen immer gemeinsame Wertvorstellungen: Die Beteiligten identifizieren sich mit ihrer Stadt oder ihrer Region, sie legen Wert darauf, dass dort selbstständige Unternehmen erhalten bleiben, sie wollen die einheimische Produktion und die Vernetzung der einheimischen Wirtschaft fördern.

Der bayerische Chiemgauer, der vor kurzem zehn Jahre alt geworden ist, war die erste dieser Währungen der dritten Generation (nach LETS und Zeitbanken) und hat in Deutschland und in anderen Ländern viele Nachahmer gefunden. Eins der jüngsten Beispiele ist das englische Bristol-Pfund (£, das seit September 2012 im Umlauf ist. Wer damit einkaufen möchte tauscht britische Pfund Sterling gegen das Bristol-Pfund ein, entweder direkt durch Kauf der lokalen Geldscheine oder indem sie es über ihre Kreditkarte oder durch Banküberweisung auf ihr persönliches £B-Internet-Konto laden und dann online oder im Laden direkt per SMS bezahlen. Die regulären britischen Pfund bleiben so lange auf einem Treuhandkonto, bis £ dagegen zurückgetauscht werden. Mehr als 600 meist kleine selbstständige Unternehmen akzeptieren das Bristol-Pfund als Bezahlung für ihre Waren und Dienstleistungen, und viele bieten Sonderaktionen und Rabatte an, wenn mit Bristol-Pfund bezahlt wird.

Heute sind bereits etwa 200.000 £B im Umlauf – eine riesige Menge im Vergleich zu anderen lokalen Währungen. Aber angesichts der Tatsache, dass in und um Bristol fast eine Million Menschen leben, ist das noch kein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Dennoch stellt das Projekt eine neuartige und vielversprechende Initiative dar. Die engagierten Initiatoren hatten viele ehrenamtlicher Unterstützer, konnten über gemeinnützige Stiftungen Startkapital einwerben und knüpften tragfähige Kontakte zu allen wichtigen Institutionen in Bristol. Als George Ferguson letzten November zum geschichtlich ersten Oberbürgermeister Bristols gewählt wurde, gab er direkt bekannt, sein Gehalt ausschließlich in £B zu beziehen. Und vor allem ist dort eine wichtige Voraussetzung für die breite Akzeptanz einer Währung erfüllt: Die teilnehmenden Unternehmen können ihre Gemeindesteuern mit £B bezahlen. Die Konten aller £B-Nutzer werden von einer in Bristol beheimateten Bank geführt, der Bristol Credit Union.

Um Nutzer für eine solche Währung zu gewinnen und sie am Abspringen zu hindern, wurden vielerorts Bonus- und Malusregeln, also Zuckerbrot und Peitsche, eingeführt – etwa ein Plus von bis zu 10 Prozent beim Kauf des lokalen Geldes und einem Abschlag wenn ein Betrieb die eingenommene lokale Währung in nationale Währung zurücktauschen möchte. Das hat sich häufig als Hindernis erwiesen, und skeptische Unternehmen und vor allem öffentliche Institutionen abgeschreckt. Beim Kauf von Bristol-Pfund gibt es keinen Bonus mehr, und £B können auch gebührenfrei in Pfund Sterling zurückgetauscht werden. In Bristol reicht der Anreiz eines umfassenden Angebots an Einkaufsmöglichkeiten und die überzeugenden “message”: die lokale Währung ist nachhaltig und solidarisch. Nach der Akzeptanz und dem geringen Rücktausch zu urteilen fühlen sich sowohl Unternehmen als auch Verbraucher davon angesprochen.

Für die beteiligten Unternehmen bewährt sich das £B als Vermarktungsplattform, da es ihnen Kunden bringt und Kontakte zu einheimischen Lieferanten herstellt. Außerdem demonstriert ihre Beteiligung, dass sie sich mit dem Wohlergehen der Stadt identifizieren und sich aktiv für die regionale Wirtschaft einsetzen. So wecken sie Interesse an ihrem Angebot und fördern die Kundenbindung. Die Verbraucher können mit dem £B zeigen, dass sie einheimische und handwerklich gefertigte Produkte kaufen wollen, und dafür bekommen sie Preisnachlässe und ein Bewusstsein für ihre Heimat.

Natürlich kann man einheimische Produkte auch mit der nationalen Währung kaufen. Doch nur über die Lokalwährung werden die Geschäftsleute direkt in die Entscheidung des Verbrauchers eingebunden: In dem Maße, in dem der Händler die eingenommenen £B wieder vor Ort ausgibt, wird der lokalen Markt gestärkt. Um ein Abfließen der lokalen Kaufkraft durch Rücktauch zu vermeiden, bemüht sich das Bristol Pfund ständig neue Einkaufmöglichkeiten gerade für Betriebe zu finden und so den regionalen Wirtschaftskreislauf zu vervollständigen. Erfolgreiche Beispiele sind die Bezahlmöglichkeit der Gemeindesteuern, die durch lokale Auftragsvergabe in die Wirtschaft zurück fließen oder die Gründung von “Farm-Link”, einem Netzwerk von umliegenden Bauernhöfen, die nun Restaurants und Lebensmittelläden in Bristol für £B beliefern.

Durch die Kooperation mit der Credit Union wirkt sich das Bristol-Pfund noch in anderer Hinsicht günstig auf die lokale Wirtschaft aus: Jeder Nutzer wird Mitglied der Credit Union, und weil so viele Pfund Sterling im Sonderkonto gehalten werden, wie £B im Umlauf sind, verbessert sich die Kapitalausstattung dieser kleinen und nur lokal tätigen Bank. Damit kann sie ihren Kunden erschwingliche Darlehen anbieten, vor allem auch in den ärmeren Stadtteilen, deren Bewohner sonst Kredithaien und Zinswucherern zum Opfer fallen. Was häufig als Nachteil dieses Währungsmodells kritisiert wird – dass es dem Wirtschaftskreislauf genauso viel reguläres Geld entzieht, wie es in Form der lokalen Währung in Umlauf bringt –, erweist sich als Vorteil für die Solidarwirtschaft und die wirtschaftliche Entwicklung der Region.

Die nächste große Frage ist, wie kommunalen Währungen der lokalen Wirtschaft durch die gezielte Vergabe von Krediten dienen können. Das WIR-Bank Modell hat sich als ein gangbarer Weg erwiesen. Einen anderen Weg beschreiten weltweit all die Firmen, die sich in Geschäftsbeziehungen gegenseitig Kredit gewähren. Wird diese tagtägliche Praxis im Verbund organisiert, entstehen neue “business-to-business” Währungen. Über alle Länder verteilt operieren bereits hunderte solcher kommerzieller Währungen. Die Betreiber, die ähnlich wie das Bristol Pfund auch als Vermittler und Marketing-Plattformen auftreten, bewerten dabei die finanzielle Leistungsfähigkeit der beteiligten Firmen und legen einen entsprechenden individuellen Kreditrahmen fest.

Üblicherweise werden solche Währungen von einem charismatischen Einzelunternehmer gegründet und geleitet. In jüngerer Zeit aber haben genossenschaftlich strukturierte Unternehmen das Modell übernommen und es zu einem sozialpolitischen Konzept umgeformt. Jetzt sieht sogar der öffentliche Sektor darin eine neue Möglichkeit, die Solidarökonomie und die lokale Wirtschaft zu stärken. Mit ihrem Pilotprojekt “Community Currencies in Action” prüft momentan sogar die Europäische Union im Rahmen ihres regionalen Entwicklungsprogramms, wie solche und andere kommunale Währungen eingesetzt werden können, um die Lebensverhältnisse regional und lokal zu verbessern. Die Städte London, Amsterdam und Nantes in Frankreich sind in diesem Projekt die Vorreiter, aber auch in vielen anderen Orten, wie z.B. Oberhausen in Deutschland und Langenegg in Österreich hat diese Idee Fuß gefasst. Für viele Befürworter lokaler Währungen ist die Beteiligung des öffentlichen Sektors neben den neuen Kommunikationstechnologien und dem wachsenden öffentlichen Verständnis für die Macht und Möglichkeit des Geldes der Schlüsselfaktor, um unser Finanzsystem dank ihrer komplementären Strategie zu verändern.

Wenn man die Vielfalt der Bedürfnisse sowie die Interessen derer berücksichtigt, die im derzeitigen Geldsystem keinen Platz finden, dann reicht eine einzige Art von Währung nicht aus. Unterschiedliche Währungen, die auf verschiedenen Wert(e)systemen basieren, erscheinen sinnvoller. Sie können auf freiwilliger Basis in den Bereichen und für die Zwecke genutzt werden, für die sie sich eignen. So können sie einer solidarischen und demokratischen Wirtschaft den Weg bereiten, in der niemand mehr ausgegrenzt wird.

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